Die Budakesser Gemeinschaft besuchte einen Ort ihrer Ahnen, Oberstadion in Oberschwaben

Ein historischer Tag, nach fast 300 Jahren kehren „Oberstadioner“ in die Urheimat zurück

Am 29. März 2018 machte sich eine Gruppe von 28 Mitgliedern der Budakesser Gemeinschaft, gemeinsam mit ihrem Vorsitzenden Franz Huber, auf den Weg nach Oberstadion in Oberschwaben. Der Familienreferent und Ahnenforscher der Budakesser Gemeinschaft, Gustav Esterle, hatte die Fahrt organisiert. Immer wieder stieß er bei seinen Recherchen für Ahnenforschungen auf dieses Gebiet rund um den Berg Bussen.

Eintragungen in den Budakeszer Kirchenbüchern, aber auch Literatur über die Auswanderer wiesen darauf hin, dass tatsächlich viele Familien die nach Budakeszi ausgewandert sind, aus Oberstadion und den umliegenden Orten Aigendorf, Bühl, Hundersingen, Moosbeuren, Mühlhausen, Mundeldingen, Tiefenbach, Rottenacker und Unterstadion stammten. Sie liegen zwischen 5 und 12 km nördlich bis östlich vom Berg Bussen und südlich der Donau, bei Biberach an der Riß, auch genannt der Raum Winkel. Der Bussen ist der  hl. Berg Oberschwabens, umgangssprachlich auch Schwabenberg genannt. Auf dem Berg die Wallfahrtskirche St. Johannes Babtiste, auf den Berg zu pilgern soll bei Kinderlosigkeit helfen. Ein Jahr stand der Familienreferent Gustav Esterle mit Oberstadion in Kontakt bis die Vorbereitungen für den Besuch abgeschlossen waren. Der Ort hat 1600 Einwohner und wurde im Jahre 1270 von Adeligen aus Graubünden gegründet. Inmitten von schmucken Fachwerkgebäuden steht die katholische Pfarrkirche St. Martinus, sie ist eine der bedeutendsten Kirchen gotischer Kunst in Deutschland. Gotische Flügelaltäre der Ulmer Schule schmücken ihr Inneres. Überhaupt ein schmuckes Dorf, das 2001 zum schönsten Dorf Baden-Württemberg gekürt wurde. Hier lebte auch Christoph von Schmid, der das Weihnachtslied „Ihr Kinderlein kommet“ während seiner Zeit als Pfarrer in Oberstadion verfasste.

Als wir den Ort erreichten wurden wir bereits von den Herrn Steinle und Herrn Branz, beide Historiker, erwartet. Es war ein sehr herzlicher Empfang und nach einer kurzen Begrüßung begann eine Führung durch das ganzjährig geöffnete Krippenmuseum, das in einer denkmalgeschützen Pfarrscheuer aus dem Jahre 1612 untergebracht ist. Dabei handelt es sich um eine der bedeutendsten und größten Krippenaustellung Europas. Einzigartige Krippen, teilweise mannshoch gebaut und gestaltet, immer mit einem Thema, von Künstlern aus dem In- und Ausland. Sehr sehenswert, wir waren beeindruckt.

Danach ging es zum Mittagsessen ins benachbarte Moosbeuren in den Brauereigasthof Adler.

Gut gestärkt von schwäbischer Hausmannskost und selbstgebrautem Bier kamen wir zum wichtigsten Programmpunkt unserer Reise, die Aufarbeitung unserer Vergangenheit. Wir wurden in die Kirche gebeten. Herr Branz hielt einen Vortrag über die Auswanderungen im 18. Jahrhundert aus Oberstadion, und den umliegenden Gemeinden, nach Ungarn. Eine überdurchschnittlich hohe Zahl an Auswanderungen waren aus Oberschwaben, dem Raum Winkel, zu verzeichnen.

Grund für die Auswanderungen waren Armut, Missernten, Hungersnot, Krieg, das Erbgesetz ließ keine Hofteilung zu, ohne Besitz war keine Heirat erlaubt. Die krassen Gegensätze in der Barockzeit, Adelige lebten im Überfluss und die Bauern und Untergebene hatten ein sehr hartes und karges Leben. Herr Branz hatte gründlich recherchiert und nie gekannte Details über dieses Thema für uns zusammengetragen. Im Anschluß begingen wir gemeinsam den an die Kirche angrenzenden Friedhof und man fühlte sich wie in einer Paralellgesellschaft zu Budakeszi. Noch heute, nach 300 Jahren der ersten Auswanderung, kann man Namensgleichheiten mit Familien auf dem Friedhof in Oberstadion mit denen in Budakeszi feststellen. Albrecht, Frankenhauser, Geiselhard, Heuschmidt, Hofherr, Huber, Mayer, Merkle, Mistel, Pfendtner, Schlegel, Schrodi, Weggemann, Winghart, Wöhrle und viele mehr waren Hinweise, dass hier die Wurzeln vieler unserer Ahnen liegen. Diese Feststellung hat so Manchen unter uns emotional sehr berührt. Es war erst eine Vermutung, jetzt erhielten wir Gewissheit, dass viele Vorfahren der Heimatvertriebenen aus Budakeszi aus diesem Ort und aus dem Raum Winkel stammen.

1701 beginnend bis 1795 wanderten 90 Familien aus Oberstadion, und den o.g. Teilorten, nach Ungarn aus. Ungefähr die Hälfte nach Budakeszi und die andere Hälfte nach Hajos in Südungarn.

Kaiserin Maria Theresia von Habsburg lockte, auf Anregung ihres Kolonisators Prinz Eugen, Bauern und Handwerker nach Ungarn. Die Kolonisten erhielten Land und Aufbauhilfe in Ungarn. Dies bewog viele Familien, Armut und Ausweglosigkeit den Rücken zu kehren.

Von ihren Lehensherren mussten sich die „Leibesuntertänigen“ freikaufen. Besitzlose durften erst heiraten wenn sie versprachen auszuwandern. Nur Eheleute durften nach Ungarn und es gab Massen-Eheschließungen im Ulmer Münster. So konnte die große Reise auf der „Ulmer Schachtel“ beginnen. Es hieß Lebewohl und nicht auf Wiedersehen, denn ob es ein Wiedersehen gab war ungewiss. Die Auswanderer aus Oberschwaben, unsere Ahnen, waren die Vorfahren der Donauschwaben. Sie gingen das Wagnis ein und mit ihrem unermüdlichen Fleiß gelang es den Kolonisten, aus mit Gestrüpp überzogenen Ödland, fruchtbaren Ackerboden zu gewinnen. Nach dem 2. Weltkrieg 1946 mussten sie als Deutsche Ungarn verlassen. Seit dem Fall des eisernen Vorhangs finden die zurückgebliebenen Donauschwaben in Ungarn wieder Anerkennung.

Herr Branz verschaffte uns sensationelle Einblicke in die Geschichte der Auswanderung unserer Vorfahren von Ulm auf der Donau nach Ungarn. Nach seinem Vortrag ging es in den Bürgersaal, wo wir uns mit Kaffee und Kuchen stärken konnten um im Anschluß die wunderschöne Osterausstellung, mit dem größten Osterbrunnen der Welt, zu besichtigen.

Herr Branz übergab der Budakesser Gemeinschaft drei Heftordner in denen er die Geschichte unserer Ahnen zusammengetragen hat, mit einer Namensliste der ausgewanderten Familien, Geschichten über die Auswanderer und Auszüge aus den Kirchenbüchern. Auch für die beiden Historiker aus Oberstadion war unser Besuch ein besonderes und einmaliges Ereignis. Man hatte sich in Oberstadion nie Gedanken darüber gemacht, was aus den Auswanderern geworden ist.

Schlussendlich kam die Frage, ob die Budakeszer Gemeinschaft Kontakte zu Budakeszi pflegt, und ob noch Nachkommen der Ausgewanderten aus dem Raum Winkel in Budakeszi leben. Wir haben Herrn Branz über die Aktivitäten unseres Vereins, sowie die Tätigkeiten der Vereine in Budakeszi, informiert, was er mit einem Erstaunen zur Kenntnis nahm.

Der Vorsitzende der Budakesser Gemeinschaft, Franz Huber, bedankte sich und übergab Herrn Branz und Herrn Steinle das Budakeszer Heimatbuch und ein Buch über deutsche Gräber auf dem Budakeszer Friedhof.

Es war ein historischer Tag, für beide Seiten. Wir bedanken uns für die gute Betreuung bei Herrn Branz und Herrn Steinle und allen Mitwirkenden aus dem Dorf Oberstadion.

Anita Kraßmann, im April 2018

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